Bericht für den Rundbrief der Verwaisten Eltern  - April 2006

Erinnerungen …

… an meinen wunderbaren Sohn Felix

Seit dem 23. Dezember 2004 bin ich eine verwaiste Mutter, mein 18jähriger Sohn Felix geriet bei der Heimfahrt von seiner Freundin in eine Schneewehe und prallte gegen einen Baum. Innerhalb weniger Sekunden wurde sein und unser bisheriges Leben beendet. Keine zweite Chance – der erste Unfall war zugleich auch der letzte. Was bleibt sind die unendliche Liebe und Sehnsucht, viele schöne Erinnerungen und die stets präsente Frage nach dem ‚Warum’.

Erinnerungen an meinen Sohn, den begabten, disziplinierten Sportler

Felix fing schon mit 5 Jahren an, Fußball zu spielen. Mit 6 war er in seinem ersten Verein, in den Spielen konnte er fast im Alleingang die Tore schießen. Unser Leben bestand aus „Taxi fahren" und Wochenendbegleitungen. Wir verbrachten die Sams- und Sonntage in Hallen, auf Fußballplätzen, betreuten unser Kind und bauten es bei Enttäuschungen immer wieder auf. Hier lernte Felix Disziplin und stand gewaltig unter Leistungsdruck. Felix war richtig talentiert, ein Mittelfeldspieler mit Köpfchen und Übersicht. Als er 18 wurde, spielte er bei der A-Jugend eines benachbarten Vereins und wurde zu Spielen der 1. Mannschaft in der Bezirksoberliga eingesetzt. So sahen wir unseren Sohn das letzte Mal in einem Bezirksoberligaspiel, als er die Vorlage zum einzigen Tor seiner Mannschaft gab. Ich weiß noch gut, wie wir ihn am Ende am Spielfeldrand erwarteten und er uns gegenüber stand, sportlich, durchtrainiert, verschwitzt, ausgepowert und unzufrieden – schließlich hatten sie verloren. Wir fühlten nur den Stolz auf unser Kind, das wir gefördert hatten und das seine Anlagen so ausgezeichnet nutzte. Was hätte noch alles vor ihm gelegen?

Zudem spielte Felix Eishockey in einer Hobbymannschaft, den „Ice Bulls" und trainierte oft an den Wochenenden zu Unzeiten, z.B. Samstag früh um 7.30 Uhr. Er war der Torjäger seiner Truppe und wurde in der letzten Saison von allen „Goldschläger" genannt, weil er sich einen gelben Profischläger zugelegt und mit diesem auch viele Tore erzielt hatte. Die Liebe zum Eishockey begann in einer Saison, als die „Adler Mannheim" Meister der DEL wurden. Seit der Zeit war Felix der absolute Mannheim Fan. Er wollte sich die Spiele auch live anschauen und so wünschte er sich zum Geburtstag einige Fahrten nach Mannheim. Für meinen Mann bedeutete das 12 Stunden Unterwegssein, für Felix war es das Größte! Mein Mann und Felix lernten dabei auch den Stadionsprecher von Mannheim kennen, der sie so manches Mal als die Fans mit der weitesten Anreise begrüßte. Am 23.12.04, seinem Todestag, spielten die „Adler" am Abend bei uns, in Augsburg, und wir hatten schon fest geplant hinzugehen. Er wäre dann wie so oft in seiner Mannheimfan-Kluft im Gästeblock gestanden und wir bei den Augsburgern und in der Pause hätten wir über das Spiel gefachsimpelt. Seine Adler-Uhr war übrigens schon vor einiger Zeit mal stehen geblieben, um 1.55 Uhr, dem genauen Zeitpunkt seines Todes.

Seine dritte Sportart, die er über alles liebte, war Radfahren. Jedes Jahr im Mai begann er, hart zu trainieren, um seine „Tour de France" zu fahren. Wir fuhren mit ihm und seinem Rennrad nach Frankreich, in die Provence, in die französischen Alpen und in die Pyrenäen als seine „Begleitmannschaft". Er fuhr mit eisernem Willen die Tour-Berge hoch und wir versorgten ihn mit Getränken und machten zahlreiche Fotos. 5 Sommer verbrachten wir auf diese Art und Weise und jetzt denken wir mit Wehmut an diese schöne Zeit zurück. Wir bewunderten Felix für seine Energie und seine sportlichen Leistungen. Er war ein Ausnahmesportler, immer geschickt und reaktionsschnell. Diszipliniert bereitete er sich auf jedes Spiel vor, keine Eskapaden oder langen Disco-Abende, wenn er am nächsten Tag spielen sollte.

Felix fährt auf den Mont Ventoux in der Provence August 2004

Von den Frankreichurlauben haben wir unzählige Fotos, die ich jetzt versuche, in Fotoalben zu kleben. Versuche deswegen, weil es unheimlich schwer ist, oft breche ich ab, weil die Tränen kommen und ich es nicht mehr aushalte, diese Bilder unserer heilen Welt und seiner Liebe zum Sport zu sehen. Obwohl ich sie sowieso alle im Kopf gespeichert habe, die Bilder frischen alles nur auf. Sie tun weh! Diese schönen Erinnerungen tun einfach unheimlich weh. Ein Stachel, der sich immer weiter ins Herz bohrt und da stecken bleiben wird. Für uns fehlt jetzt so viel! Unsere Wochenenden, unsere Freizeit, unser Urlaub, alles war auf Felix’ Interessen abgestimmt. Seine Hobbys waren auch unsere, wir waren zwar nur passiv, aber immer dabei und mit engagiert. So wollte er es auch, bis zum Schluss. Immer die Frage, wenn er los fuhr: „Ihr kommt doch vorbei und schaut zu?" Ohne eine bejahende Antwort wäre er nicht aus dem Haus gegangen, er brauchte seine Familie als Rückendeckung, als Verstärkung am Spielfeldrand. Jetzt ist unser Leben einfach ärmer, stiller, unsere Sonne scheint nicht mehr!

Erinnerungen an Felix, den Familienmensch und Freund

Felix wurde von allen seinen Freunden sehr geschätzt, sie waren gern mit ihm zusammen, denn er war ein guter Kumpel und sie hatten immer viel Spaß mit ihm. Oft unternahmen sie gemeinsam etwas, fuhren z.B. zusammen in die Disco, d.h. meistens wurden sie von den Eltern hin gebracht und abgeholt. Ich erinnere mich an einen Samstagabend, als ich ihn um Mitternacht vor der Disco erwartete. Ich hatte meine Hausklamotten an, alte Jeans und ausgeleiertes T-Shirt, schließlich wollte ich ja nur Auto fahren. Felix kam heraus und meinte:" Ich muss unbedingt noch da bleiben, du musst mit hinein, sonst geht es nicht." Er war immer sehr überzeugend und so kam es, dass ich im Schlabberlook mit meinen 45 Jahren in die Disco ging, mich an die Bar hockte und Cola trank. Eintritt brauchte ich nicht zu bezahlen, denn anscheinend machte ich einen glaubwürdigen Eindruck als Mutter, wurde vielleicht sogar mitleidig beäugt. Ungefähr eine ¾ Stunde hielt ich durch, dann überredete ich Felix zum Aufbruch. Das ist eines der Erlebnisse, die für Felix typisch waren. Immer hatte er eine Überraschung bereit, wir wussten nie, was ihm als nächstes einfiel. Gerade das fehlt nun wahnsinnig. Er brachte uns auf andere Gedanken, lenkte uns von unseren beruflichen Problemen ab und für uns standen seine Ideen und Interessen immer an erster Stelle.

Felix galt in seinem Freundeskreis und in der Schule als "cool". Schon immer wusste er sich durchzusetzen, als Kind und auch später als Jugendlicher. Die Schule ertrug er als lästiges Übel und machte so manchem Lehrer das Leben schwer, vor allem dann, wenn er etwas als ungerecht empfand. Da konnte er sich nicht zusammen reißen, er musste seine Meinung äußern, egal, welche Konsequenzen das für ihn hatte. Jetzt haben wir die Mitteilungen sowie die Zeugnisse als Erinnerung daran, dass er sich nicht verbiegen ließ und sich nur schwer unterordnen konnte, wenn er es überhaupt nicht einsah. Trotz allem machte er einen guten Realschulabschluss und dafür setzte er sich auch ein. Eigentlich fiel ihm alles leicht, auch das Lernen, wobei seine sprachliche Begabung überwog. Er hatte nach der 8. Klasse das Gymnasium verlassen mit der Begründung: „Wozu soll ich Latein lernen, das sehe ich gar nicht ein und ich brauche es auch nicht!" (Anmerkung: Mein Mann ist Lateinlehrer, aber das störte Felix nicht!) Die Realschule konnte er wunderbar mit seinen sportlichen Aktivitäten vereinbaren, das empfand er als ideal. Er galt als „cool", weil er wirklich wirkte wie die Ruhe selbst und so, als ob ihn das alles nicht im Geringsten berührte. Dazu kann ich sagen, die meisten kannten ihn eben nicht so gut wie wir. Denn Felix war eigentlich sehr sensibel, Stress drückte ihn ziemlich und wir sprachen viel zu Hause, um ihn zu ermutigen. Felix war sehr offen und vertraute den Menschen. In den letzten vier Monaten seines Lebens, vor allem an seiner Lehrstelle, musste er feststellen, dass es Menschen gab, die es nicht wert waren, ihnen Vertrauen zu schenken. Gerade seine große Offenheit und seine Unbedarftheit machten ihn auch verletzlich.

Felix liebte Familienzusammenkünfte. So freute er sich schon auf Weihnachten 2004. Gemeinsam stellten wir schon am Montag, den 20.12. den Christbaum auf, weil er am Mittwoch zu seiner Freundin fahren wollte. Jeden Tag nervte er mich damit, dass alle kommen sollten, seine Tante Andrea, Oma und Opa. Er genoss es, mit allen Familienmitgliedern zusammen zu sein, hier fühlte er sich geborgen, geliebt und verstanden. Familie war für ihn immer wichtig! Ich weiß noch, als er uns seine Freundin Patti vorstellte. Er brachte sie zur Tür herein und sagte: „Das ist also die Patti!" Ich musste lachen, aber so war er eben. Unkompliziert, unbedarft, ehrlich und lustig. Als er sie kennen lernte, konnte er das nicht lange verbergen. Er strahlte wie ein Maikäfer und platzte natürlich mit der Nachricht heraus, dass er verliebt sei. Die große Liebe, die Liebe seines Lebens.

Felix und seine große Liebe Patti November 2004

Sie sah ihn als Letzte, als er um ca. 1.35 Uhr von ihr aufbrach und ihr noch versprach, er würde auf sich aufpassen und vorsichtig fahren. Das Weihnachtsfest erlebte er schon als „Geistwesen", sein Körper lag im Leichenschauhaus. Was für eine Perversion!

Als Kind und Jugendlicher nahm Felix alle für sich ein, er hatte so eine Art an sich, der sich keiner entziehen konnte. Mit seinem Charme und seiner Wärme konnte er alle auf seine Seite ziehen und alle machten das gerne. Er war unser Sonnenschein, der Lebhafteste von allen, der immer im Mittelpunkt stand. Auch seine Oma und seinen Opa liebte er sehr, einen Tag vor seinem Tod verabschiedete er sich von ihnen, es wurde ein langer Abschied und ich beneide meine Eltern darum, dass sie ihn wohl früher als ich wieder sehen werden.

Erinnerungen an die Zeit ohne Felix

Und nun – eine neue Zeitrechnung, wir haben das Jahr zwei nach Felix’ Tod. Tod – lange konnte ich dieses Wort gar nicht aussprechen, ich sagte immer, er ist fort, nicht tot. Das erschien mir zu ungeheuerlich, zu unmöglich. Nicht mein Sohn! Nicht Felix! Das kann es doch gar nicht geben! Ich ertappe mich manchmal immer noch dabei, dass ich aufwache und mir zuerst überlege, ob das auch wirklich möglich sein kann, dass mein geschickter Sohn einen tödlichen Autounfall hatte. Verkehrte Welt! Das sollte man als Gott nicht zulassen, da gehört irgend etwas eingebaut in den Menschen, dass er, sagen wir mal, mindestens 60 Jahre alt werden kann, egal, was passiert. Aber ich habe es schon kapiert, es ist Realität. Wir haben unseren Sohn begraben, oder besser gesagt, seinen Körper. Das Grab ist das meiner Großeltern, zwei Generationen hat Felix übersprungen. Ich begreife es nicht und will es auch nicht begreifen. Es gibt in dieser Welt keinen Sinn für diesen frühen Tod, auch, wenn das manche Leute glauben oder meinen, sie müssten einen suchen! Ich habe viel gelesen in diesem ersten Jahr und ich lese immer noch. Ich beschäftige mich mit dem Leben nach dem Tod und ich habe gelernt, Zeichen wahr zu nehmen, die Felix uns schickt. Ich glaube mittlerweile fest an dieses Leben nach dem Tod.

Mein Mann und ich trauern völlig unterschiedlich, können aber immer miteinander reden, das ist schon viel wert! Wir können uns aber nicht gegenseitig trösten oder helfen, das geht einfach nicht. Wir funktionieren, gehen in die Schule, machen unseren stressigen Job, den ich in meinem alten Leben liebte. Jetzt habe ich Probleme, es ist mir oft zu anstrengend und überhaupt, was soll ich mich für fremde Kinder einsetzen, wo doch mein eigenes nicht mehr leben darf. Mein Job raubt mir die Kraft und die Zeit, die ich für mich und meine Trauer brauche. Und doch - es lenkt mich ab. Ich führe ein halbwegs normales Leben am Vormittag, meine Schüler beschäftigen mich so, dass ich nicht zum Nachdenken komme. Meine anfängliche Verbitterung hat sich gelegt, ich habe wieder den Draht zu den jungen Leuten um mich herum. Nach außen hin wirke ich „normal", sie wissen nicht, wie es oft in mir aussieht. In dem Moment, in dem ich die Schule verlasse, senkt sich wieder dieses bleischwere Gewicht auf mein Herz. Es könnte doch alles so schön, so normal sein, wenn nicht ….! Unser Leben ist völlig durcheinander geraten, wir suchen eine neue Ordnung. Gibt es eine?

Unser 26jähriger Sohn Florian hatte 18 Jahre lang einen Bruder, jetzt ist er wieder allein mit uns und sehr richtig meinte er: „Ihr habt ja noch ein Kind, aber ich habe keinen Bruder mehr!" Er hatte Felix’ Unfall vorhergeträumt, es war ein Traum, der ihn weckte und schweißgebadet lief er die Treppe hinunter und schaute nach, ob Felix in seinem Bett lag. Er erzählte uns den Traum und wir hielten das einfach für Sorge um seinen Bruder. Nie hätten wir so etwas für möglich gehalten! Unser Sohn Flo wurde in diesem Jahr eine große Stütze für uns, und ich weiß, ich muss mich durchkämpfen durch mein Leben, denn er ist es wert, dass ich für ihn lebe.

Felix und sein Bruder Florian August 2004

Das Jahr 1 nach Felix’ Tod war das schwerste, das ich bisher erlebt habe und doch habe ich es überlebt. Ich lernte, was Depressionen sind, was Sehnsucht bedeutet. Ich habe es geschafft, mit dem großen Verlust und dem Schmerz zu leben. Aber ich bin nicht mehr die, die ich einmal war. Meine Unbeschwertheit, meine Lockerheit, meine Lebensfreude sind weg. Ich wurde von meiner Familie aufgefangen, brauchte aber auch meine eigene Stärke um zu überleben, was ich nicht für möglich hielt.

Wir gehen in Selbsthilfegruppen und haben da nette Leute kennen gelernt, die wir auch privat oft treffen. Dafür bin ich dankbar, dass ich diese Menschen habe. Mit ihnen kann man so unkompliziert über alle Gedanken und Gefühle reden, man wird immer verstanden! Für Felix hoffe ich, dass es ihm nicht so mies geht wie uns, dass er die vielen anderen jungen Leute trifft und vielleicht steigt da oben ja mal ein Fußballspiel! Eine wunderschöne Vorstellung! Ich wünsche mir, dass er uns auch weiterhin Zeichen schicken wird und dass ich noch etwas weiter vordringen kann in seine Welt, sei es mit Hilfe eines Mediums oder einer Meditation, während der ich vielleicht seine Gedanken empfangen kann. Ich werde mein Möglichstes tun. Wir werden seine Homepage hoffentlich bald fertig stellen und ich hoffe, dass die Erinnerungen nicht verblassen. Das ist meine größte Sorge im Moment. Ich habe Angst, noch mehr zu verlieren.

Renate Maier

Je schöner und voller die Erinnerung,

desto schwerer ist die Trennung.

Aber die Dankbarkeit verwandelt

die Qual der Erinnerung in eine stille Freude.

Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel,

sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

D. Bonhoeffer

 

 

Gedanken im Jahr 2 nach Felix' Tod - Artikel für den Rundbrief der Verwaisten Eltern im September 2006

Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg ist steinig und schwer

Deine Spuren, mein geliebter Sohn, sind überall um mich herum. Die äußerlich sichtbaren Spuren, dein Zimmer, dein Rennrad, deine Eishockeytasche im Keller, …. Unzählige Dinge, dein Vermächtnis. Ich gehe in dein Zimmer und setze mich auf dein Bett, hier hast du am Dienstagabend noch ganz kaputt gelegen, ich schaute kurz rein zu dir, aber du warst so müde, dass ich mich zurückzog. Es war deine letzte Nacht in deinem Bett. Ich nehme die Eishockeyzeitung in die Hand, die du noch selber gekauft und gelesen hast. Deine Klamotten, die du aufs Bett gelegt hast, liegen immer noch da. Ich empfinde tiefe Trauer, wenn ich in deinem Zimmer bin. Wo früher Leben war, laute Musik spielte, ist jetzt Stille, Ruhe. Es ist überhaupt zu ruhig bei uns. Keine heftigen Diskussionen über Sport, keine neuen Ideen, keine Pläne fürs Wochenende, die auch uns betreffen. Wir haben plötzlich viel zu viel Zeit und Ruhe. Dennoch habe ich das Gefühl, du bist hier noch irgendwie anwesend. Wir finden es für wichtig, dass zunächst alles so bleibt. Ich werde dann etwas ändern, wenn mir danach ist und nicht, wenn andere es für nötig halten. Du fehlst, so kann man das kurz und bündig sagen, du fehlst und wirst immer fehlen. Dein Leben, deine Zukunft, deine Pläne, alles fehlt!

Ich gehe in die Stadt zum Bummeln, parke mein Auto beim Theater, da haben wir uns getroffen, wenn du in der Berufsschule warst und sind zusammen zum Mittagessen. Ich schaue nach links zu der Straße, aus der du immer kamst. Ich meine, ich sehe dich ganz deutlich um die Ecke schlendern in deiner Wildlederjacke und einem Rucksack auf den Schultern, lässig, ohne Hektik. Aber es kommen irgendwelche anderen Leute, keiner, der dir auch nur annähernd ähnlich ist.

Fußballweltmeisterschaft in Deutschland, Riesenbegeisterung im ganzen Land, die jungen Leute genießen diesen positiven Rummel, fahren mit ihren Fähnchen durch die Gegend, feiern Feste. Uns sticht es ins Herz, ohne dich so eine Stimmung, wie hättest du das alles genossen! Wir können uns kaum freuen, ständig ist dein Fehlen so offensichtlich. Tour de France, wir schauen die Bergetappen an, du bist mal einen Tag von der Schule zu Hause geblieben, um alles zu sehen. Es hat seinen Zauber verloren, deine Begeisterung fehlt. Wir schreiben alles auf, legen dir das Tourheft ins Zimmer. Bilder deiner Touretappen stehen überall im Haus. Es ist unfassbar!!! Es kann nicht wahr sein, ein schlechter Film, wann endet er endlich?

Und dennoch, ich lebe, es wundert mich zwar immer wieder, dass ich nicht sofort tot umgefallen bin, als ich diese Nachricht erhielt und dich in der Pathologie sah. Dort, in diesem Klinikum, habe ich dich auf die Welt gebracht, jetzt muss ich dich dort auf dieser Bahre liegen sehen, du wirkst fast unverletzt, wie kannst du tot sein? Der Kreis hat sich geschlossen, aber doch viel zu früh! Nebenan gehe ich regelmäßig zur Selbsthilfegruppe. Es gibt keinen Weg, der mich nicht an dich erinnert! Ich habe viele Leute kennen gelernt, die sehr wichtig für mich wurden und ohne die ich nicht mehr sein möchte. Sie geben mir Verständnis, echtes Mitgefühl, Trost, Hoffnung. Sie prägen mein neues Leben. Ich lese viel über Spiritualität, z.B. Paul Meek, James van Praagh, Bernard Jakoby, … Ich bin überzeugt, du lebst noch irgendwo in diesem Universum, nur ich habe keinen Zugang zu deiner Welt, dafür aber du zu meiner. Immer wieder schickst du Zeichen, mal deutlicher, mal versteckt, aber ich verstehe sie mittlerweile als Zeichen von dir und lasse mir diese Gewissheit von keinem nehmen.

Mein Anruf bei einem Medium hat mich fast in Euphorie versetzt. Ich rief sie an auf dem Handy und hatte die Nummer ausgeblendet, meldete mich unter falschem Namen und sagte nur, ich wolle einen Termin bei ihr. Da fragte sie mich, ob mein Terminwunsch etwas mit einem jungen Mann zu tun habe, der sich ganz offensichtlich mitverantwortlich für seinen Tod fühle. Ich war fast sprachlos, als sie dann noch weitermachte, dich und den Unfall beschrieb. Woher sollte sie das alles wissen? Sie konnte die Informationen nur von dir haben! Ich fragte sie, wie sie das mache. Und sie meinte, sie sehe Bilder, empfange Gedanken, ihr Problem sei es, sie richtig zu verstehen und auszufiltern. Du seist so präsent bei ihr und wolltest unbedingt alles loswerden, sie müsse mir das am Telefon erzählen, du würdest sie nicht mehr in Ruhe lassen. Ich war beeindruckt und unser Termin bei ihr hat uns noch mehr überzeugt, dass du lebst, das, was dich ausmachte, dein Bewusstsein, deine Seele, deine Liebe sind nicht tot, sondern werden ewig weiterleben.

Seit einem Monat nach deinem Tod schreibe ich regelmäßig Briefe an dich, es ist eine Art Tagebuch. In ihnen kann ich alles zum Ausdruck bringen, was ich empfinde, schonungslos offen. Ich verletze niemanden damit, wenn ich verzweifelt bin und jammere. Am Morgen lese ich oft einen meditativen Text oder ein Gedicht, bevor ich aus dem Haus gehe. Ein paar Minuten nachdenken, Ruhe, mich auf dich besinnen, mich erinnern. Jeden Tag zünde ich die Kerzen am Sideboard an, wo deine Bilder stehen bzw. an der Wand hängen. Unser Ort der Erinnerung an dich. Hier stellen wir oft auch Karten mit Sprüchen oder Gedichten auf oder kleine Gegenstände, die uns jemand für dich schenkt, z.B. einen Schmetterling aus der Selbsthilfegruppe, ein Abzeichen vom Dolomitenmarathon, einen kleinen Fußball. Am Abend zünde ich die Lichter auf dem Wohnzimmertisch an, hier stehen auch zwei Bilder von dir, du strahlst uns an in deiner Eishockeykluft und mit deiner Patti Kopf an Kopf im Schnellfotoautomaten. So bist du immer bei uns, die Kerzen symbolisieren, dass deine Seele weiterlebt und wir immer an dich denken.

Zu unseren neuen Ritualen gehört auch der tägliche Gang zum Grab. Jeden Tag stellen wir so viele Lichter auf, dass insgesamt 18 brennen, symbolisch für dein Lebensalter! Oft ist es dunkel und wir schauen zum Himmel. Bist du der Stern, der jede Nacht an derselben Stelle steht und so hell strahlt? Bist du in diesen wunderbaren Wolkenformationen? Einmal in der Woche fahren wir zum Wegkreuz am Unglücksbaum. Ein Baum, eine Linde – Symbol für langes Leben. Hier musstest du sterben, deine Seele hat deinen Körper verlassen, du hast die Welten gewechselt. Ich glaube, dieser Ort ist durch deinen Tod etwas Besonderes geworden, fast magisch. Wir spüren deine Nähe dort, dein Bruder berichtet, wenn er vorbeifährt, meint er hinterher, du sitzt auf dem Beifahrersitz und fährst mit ihm heim.

Immer wieder versuche ich mir vorzustellen, wie deine letzten Sekunden waren. Hast du alles bewusst erlebt? Hast du gespürt, dass du aus dieser Situation nicht mehr heil heraus kommst? Hattest du Schmerzen? Was waren deine letzten Gedanken? Du warst so allein, für mich ein furchtbarer Gedanke. Immer waren wir für dich da und in deinen letzten Sekunden bist du ganz allein. Warum ist das alles nur passiert? Eine Verkettung unglücklicher Umstände? Leichtsinn, weil du in der Nacht gefahren bist? Dein Vater hört nicht auf, alles zu analysieren und zu hinterfragen. Es wird ihn wohl immer beschäftigen. Dieses Warum – es kommt immer wieder hervor und stellt sich in den Vordergrund des Denkens. Diese Ungerechtigkeit. Die Welt ist nicht gerecht, das weiß ich spätestens seit deinem Tod. Oder war alles vorherbestimmt? Hattest du von Geburt an nur diese 18 Jahre bekommen? Das „Warum" bleibt. Warum dieses Schicksal?

Mein Leben hat sich total verändert, ich führe ein neues Leben. Es ist oft unheimlich schwer zu ertragen. Ein Leben ohne dich – das hätte ich mir nie vorstellen können! Was passiert ist, ist immer noch unfassbar. Mein Verstand weiß es, hat es registriert, aber mein Herz wehrt sich gegen diese Realität. Es gibt mittlerweile gute Phasen, da fühle ich diesen Schmerz nicht so vordergründig und kann mich in Freude erinnern. Ich erhole mich in diesen guten Zeiten von den schweren Tagen und tanke wieder etwas Leben auf. Mit meinen Siamkatzen, die ich mir mittlerweile als Seelentröster zugelegt habe, gibt es sogar etwas zu lachen und ich genieße diese schönen Momente. Ich erinnere mich oft bewusst an dich und versuche, die Erinnerungen zu speichern. Nichts möchte ich verlieren von dieser wunderbaren Zeit mit dir! Ich bin froh, dass ich dich auf die Welt bringen und mit dir leben durfte. Nichts möchte ich missen, es war Glück pur, auch wenn wir das erst jetzt so schätzen können! Danke!

 

Es war ein Stück vom Himmel, dass es dich gibt.

Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet, hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt, …

deine sanftmütige Güte, dein unbändiger Stolz, das Leben ist nicht fair!

Dein aufrechter Gang, deine heitere Würde, dein unerschütterliches Geschick. …

Hast ihn nie verraten, deinen Plan vom Glück!

Ich gehe nicht weg, hab meine Frist verlängert.

Neue Zeitreise – unbekannte Welt.

Habe dich sicher in meiner Seele,

trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt,

trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt!

Auszug aus „Der Weg" von Herbert Grönemeyer